Ammoniumhydroxid ist wahrscheinlich der am meisten diskutierte und missverstandene Inhaltsstoff in der professionellen Haarfarbe. Kritisiert für seine Auswirkungen auf das Haar und als gesundheitlich bedenklich eingestuft, ist es dennoch unersetzlich in der Chemie der Dauerwellfarbe. Hairswiss analysiert die Wissenschaft, räumt Missverständnisse aus und liefert dem Fachmann einen präzisen Leitfaden für den sicheren Einsatz.
Was ist Ammoniumhydroxid: Grundlegende Chemie
Ammoniumhydroxid (INCI: Ammonium Hydroxide), auch bekannt als Ammoniaklösung, ist eine wässrige Lösung von Ammoniak (NH₃ gelöst in H₂O). In wässriger Lösung dissoziiert es teilweise gemäß folgendem Gleichgewicht:
NH₃ + H₂O ⇌ NH₄⁺ + OH⁻
Diese Reaktion erzeugt Hydroxidionen (OH⁻), wodurch die Lösung stark basisch wird: Der pH-Wert einer 10%igen Ammoniakalösung beträgt etwa 11–12. Diese Alkalität ist der Kern seiner Rolle in der Haarfarbe.
Warum Ammoniumhydroxid für die Dauerhaarfarbe Unverzichtbar ist
Haar hat von Natur aus einen sauren pH-Wert zwischen 4,5 und 5,5. Bei diesem pH ist die Kutikula geschlossen und kompakt. Für eine dauerhafte Haarfarbe sind drei chemische Prozesse erforderlich, die alle einen alkalischen pH benötigen:
- Öffnung der Kutikula: Der hohe pH-Wert (9–11) bewirkt das Quellen des Haarschaftes und das Öffnen der Kutikulaschuppen, wodurch Kanäle entstehen, durch die der Farbstoff eindringt.
- Aktivierung von Wasserstoffperoxid: Der alkalische pH zersetzt H₂O₂ in oxidierende Radikale, die das natürliche Melanin oxidieren und die Grundfarbe aufhellen.
- Polymerisation der Farbstoffvorläufer: Kleine Vorläufer (p-Phenylendiamin und Derivate) dringen in den Kortex ein und oxidieren zu großen Pigmentmolekülen, die dauerhaft im Haarschaft eingeschlossen sind.
Ammoniak vs. Alternativen: MEA, Ammoniakfreie Systeme
Ammoniakfreie Haarfarben verwenden alternative Alkalisierungsmittel, hauptsächlich MEA (Monoethanolamin) und AMP. Der entscheidende Vorteil von Ammoniak: Es ist hochflüchtig, verdunstet während der Anwendung und des Spülens und hinterlässt kaum Rückstände im Haar. Nicht-flüchtige Alternativen wirken zwar geruchsarmer, verbleiben jedoch länger in der Haarfaser.
Gesundheitsrisiken: Was der Fachmann Wissen Muss
Ammoniumhydroxid ist für kosmetische Zwecke gemäß Verordnung CE 1223/2009 (Anhang III, Nr. 57) mit einer Höchstkonzentration von 6 % berechnet als NH₃ zugelassen. Die tatsächlichen Risiken unter professionellen Anwendungsbedingungen betreffen:
- Inhalation: Der berufliche Grenzwert (OEL) beträgt 20 ppm (8h TWA) gemäß SUVA (Schweizer Unfallversicherungsanstalt). In gut belüfteten Salons wird dieser Wert problemlos eingehalten.
- Hautkontakt: Kann bei empfindlichen Personen Kopfhautreizungen verursachen. Der 48h-Patch-Test vor der Anwendung ist Standard.
- Augenkontakt: Stark reizend ; sofort gründlich mit Wasser spülen.
Auswirkungen auf die Haarstruktur
Das erzwungene Öffnen der Kutikula bei pH 9–11 bedeutet unweigerlich Stress für die Haarfaser. Nach wiederholten Färbungen beobachtet man:
- Zunahme der Porosät (Kutikulaschuppen schließen sich nicht vollständig)
- Verringerung der Elastizität (ca. -15–25 % nach 10 oxidativen Behandlungen laut Ex-vivo-Studien)
- Verlust innerer Lipide (18-MEA, Linolsäure) mit reduziertem Glanz
- Schrittweise Schwächung des Haarschaftes bei eng getakteten Behandlungen
Aus diesem Grund sind Vor- und Nach-Färbungsbehandlungen mit Protein- (hydrolysiertes Keratin, Weizenprotein) und Lipidpflästen (Arganöl, Macadamiaöl) unbedingt zu empfehlen.
Umweltauswirkungen
Ammoniak kommt natürlich in der Umwelt vor und ist leicht biologisch abbaubar: Er zerfällt zu Stickstoff und Wasser. In Kläranlagen wird er durch biologische Nitrifikation wirksam entfernt. In kosmetischen Anwendungskonzentrationen gilt seine Umweltbelastung als gering. Die Kunststoffverpackungen der Farbprodukte stellen dagegen eine deutlich größere ökologische Belastung dar.
